Christian Sallach: „Wir stellen die Weichen für die digitale Zukunft“

Im Gespräch, Christian Sallach: Wago ist Enabler für die Industrie 4.0

„Wir stellen die Weichen für die digitale Zukunft“

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Die Wago-Gruppe in Minden setzt einen klaren strategischen Fokus auf die digitale Transformation und treibt das Thema direkt auf Ebene der Geschäftsleitung voran. Das Digital Transformation Office bündelt die Digitalthemen und stellt die Entwicklung neuer Produkte und Services in den Vordergrund. Christian Sallach, Chief Digital Officer, erläutert die Strategie des Unternehmens.

Interview: Andreas Gees, stv. Chefredakteur KEM Konstruktion

KEM Konstruktion: Herr Sallach, Sie haben vor einiger Zeit neben dem weltweiten Marketing auch die Aufgabe des Chief Digital Officer bei Wago übernommen. Welche Aufgaben hat das Digital Transformation Office unter Ihrer Leitung?

Christian Sallach (Wago): Es hat die Aufgabe, alle Digitalisierungsthemen im Unternehmen zu bündeln. Um uns dem Thema zu nähern, haben wir die Begrifflichkeiten der Digitalisierung definiert und uns einen Überblick verschafft, welche Projekte das Unternehmen dazu bereits unternommen hat. Wir sammeln alle relevanten Informationen und priorisieren die Einzelthemen. Die eigentliche Digitalisierungsstrategie betreffend prüfen wir, welches Engagement wir im Hinblick auf unsere Kunden, die Mitarbeiter und die zukünftigen Partner betreiben müssen. In den Vordergrund stellen wir dabei unsere Rolle als Digital Enabler, der mithilfe der Digitalisierung das Geschäft seiner Kunden vereinfacht. Wir prüfen, welche IT-Systeme wir benötigen werden und welche Technologien wir einsetzen müssen, um die Anforderungen unserer Kunden optimal zu erfüllen. Wir stellen uns auch die Frage, welche zusätzlichen Fähigkeiten wir als Organisation aufbauen müssen, um den Herausforderungen zu begegnen. Wir beobachten außerdem intensiv das Start-Up-Umfeld und analysieren innovative Technologien und bereits realisierte Use-Cases. Dazu haben wir eigens ein strukturiertes Start-up-Screening aufgebaut. Darüber hinaus treiben die Mitarbeiter eigene Projekte zu den wichtigen Themen voran. Diese entwickeln wir unternehmensintern oder in Zusammenarbeit mit Partnern.

KEM Konstruktion: Digitalisierung und Industrie 4.0 – wie ordnen Sie die Begrifflichkeiten ein und worin sehen Sie die Triebkräfte für den digitalen Wandel?

Sallach: Mit den Digitalisierungsthemen beschäftigen wir uns eigentlich schon seit 15 Jahren. Wir befinden uns zurzeit jedoch in einer Phase der exponentiellen Entwicklung. Technologien bieten heute Funktionalitäten, die noch vor fünf Jahren undenkbar waren. Wir beobachten auch eine exponentielle Entwicklung im Wissenschaftsbereich – selbst komplexe Algorithmen können heute mit hoher Dynamik abgearbeitet werden. Im Unternehmen haben wir drei Kerntreiber für die Digitalisierung definiert. An erster Stelle steht das veränderte Kundenverhalten. Wie sich unsere Kunden informieren, wie sie mit uns kommunizieren und wie Verkäufe zustande kommen, all das hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert. Zweiter großer Treiber ist die Verfügbarkeit moderner Technologien, und dritter Treiber ist das Wettbewerbsumfeld. Das sind nicht die Marktbegleiter, sondern das bezieht sich vielmehr auf die Kundenschnittstelle. Im Rahmen der Digitalisierung müssen wir als produzierendes Unternehmen sehr genau prüfen, wer diese Kundenschnittstelle zukünftig besetzen wird. Airbnb oder Uber beispielsweise besetzen eine Schnittstelle, sie haben sich als reine Vermittler zwischen Anbieter und Kunden positioniert. Auf eine solche Entwicklung müssen wir uns auch im B2B-Bereich einstellen und entsprechend Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Industrie 4.0 ist für uns ein Subset der Digitalisierung in der Fabrikautomation. Wago hat hier bereits eine sehr gute Position im Markt erlangt und bietet heute als Enabler Komponenten und Lösungen an. Damit können unsere Kunden Digitalisierung, IoT und Industrie 4.0 im eigenen Unternehmen konsequent umsetzen.

KEM Konstruktion: Sie haben die Algorithmen erwähnt, wie schätzen Sie die Bedeutung von Künst-
licher Intelligenz ein?

Sallach: Künstliche Intelligenz wird den Menschen am Arbeitsplatz definitiv nicht ersetzen. Die Stärke von KI liegt vielmehr darin, den Mitarbeiter im System zu unterstützen. Auch wir stellen uns die Frage, wie wir KI und Deep Learning einsetzen können, um zu besseren Entscheidungen und optimierten Prozessen zu kommen. Wir sehen aber immer den Zusammenhang mit den Menschen. Deshalb werden in Zukunft vor allem Routineaufgaben von digitalen Helfern übernommen.

KEM Konstruktion: Wie weit ist die Digitalisierung bei Wago vorangeschritten? Wie wird sich das Unternehmen dadurch verändern?

Sallach: Als fertigendes Unternehmen setzen wir die Technologien der Digitalisierung bereits intensiv in unserer Fertigung ein und haben dabei einen hohen Standard erreicht. So können wir beispielsweise in Echtzeit auf die Fertigungsdaten aus China und anderer Standorte zugreifen. Wir haben viele Prozesse digitalisiert. Aufgrund unseres umfangreichen Know-hows können wir deshalb auch beraten. Die Zusammenarbeit und die Informationsflüsse werden sich zukünftig auch bei Wago weiter ändern. Die Digitalisierung wird es ermöglichen, die Prozesse weit effizienter zu gestalten.

KEM Konstruktion: Mit der digitalen Transformation nimmt auch die Komplexität digitaler Vorgänge und Abläufe zu. Welchen Einfluss haben die Trends auf die Organisation des Unternehmens? Ändern sich die Wertschöpfungsketten?

Sallach: Die Komplexität der technischen Systeme wird mit der Digitalisierung zunehmen. Das führt andererseits aber zu effizienteren und sicheren Prozessen. Wertschöpfungsketten werden transparenter, mit Technologien wie Block Chain lassen sich mittels sogenannter Smart Contracts Geschäftsprozesse auch innerhalb von Wertschöpfungsketten abwickeln. Darüber hinaus ist mit einer weiter zunehmenden Vernetzung mit Partnern und der Außenwelt zu rechnen.

KEM Konstruktion: Wie wird die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern und wie unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter auf dem Weg in die digitale Zukunft?

Sallach: Die Diskussion um Arbeitsplätze gleicht den Vorbehalten bei der Einführung des PCs und der IT in den 90er Jahren. Viele Menschen hatten Bedenken, von Computern und der Automatisierung ersetzt zu werden. Realität ist heute, dass wir die höchste Anzahl an Beschäftigten in der Industrie haben. Auch mit der Digitalisierung werden sich die Rollen ändern und andere Aufgabenfelder bzw. neue Berufsbilder entstehen. Letztendlich wird auch die Digitalisierung zu mehr Beschäftigung führen. Künstliche Intelligenz ist keine Gefahr für die Mitarbeiter, sie bietet vielmehr ungeahnte Möglichkeiten. Wir haben innerhalb unserer Digitalisierungsstrategie verschiedene Projekte gestartet, um unsere Mitarbeiter bei dem Thema mitzunehmen. Wago wirtschaftet als mittelständisches Unternehmen nachhaltig, die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital. Wir haben den Begriff Digitalisierung definiert, sodass im Unternehmen alle Mitarbeiter ein einheitliches Bild haben. Die Digitalisierung wollen wir im Unternehmen von innen heraus voranbringen. Wir bieten Schulungsprojekte an, die allen Mitarbeitern zur Verfügung stehen. Wir unterstützen sie dabei, auf der Basis digitaler und sozialer Medien Domain-Wissen aufzubauen. Wichtig für unsere Beschäftigten ist es, sich mit Menschen gleicher Interessen zu vernetzen. In den berufsspezifischen Medien lässt sich heute einfach erkennen, welche Themen gerade aktuell sind.

KEM Konstruktion: Welche Chancen bietet die fortschreitende Digitalisierung der Geschäftsbeziehungen zwischen Wago sowie seinen Kunden und Partnern?

Sallach: Die wesentlichen Chancen bestehen im Dialog und in der engeren Zusammenarbeit und der daraus resultierenden Kundennähe. Eine Marke wird heute nicht nur vom Unternehmen geprägt. Viele Beispiele zeigen, dass sich die Werte einer Marke im Außenraum bilden. Dank der Digitalisierung sind wir heute in der Lage, sehr viel schneller ein qualifiziertes Feedback zu bekommen, das wir in unsere Entwicklungsprozesse einfließen lassen können. Außerdem haben wir als Hersteller die Möglichkeit, mehr Kundenschnittstellen zu bedienen, können mit unseren Informationen direkter an den Kunden herantreten und ihm gezielt die Informationen zur Verfügung stellen, die er in seinem Unternehmenskontext benötigt. Im Komponentenbereich arbeiten wir mit Distributoren zusammen, die heute zunehmend Plattformen aufbauen, in die wir unsere Daten liefern müssen. Dabei sind Datenformate, Qualität und Transparenz gefordert. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, eine Lieferkette zu unterstützen bzw. ein Produkt in einen Vertriebskanal zu bringen, im Vordergrund stehen der Bedarf des Kunden und die optimale Unterstützung seiner Arbeit.

KEM Konstruktion: Wago bietet Komponenten für die Verbindungstechnik sowie Automatisierungslösungen. Welche auch disruptiven Geschäftsmodelle sind zukünftig vorstellbar? Wird es auch Services geben und wie könnten diese aussehen?

Sallach: Disruptive Geschäftsmodelle entstehen durch Vernetzung, Kooperation und Kommunikation. Dabei wird etwas zu Neuem zusammengefügt, was es vorher nicht gab. Bei Wago konzentrieren wir uns aber darauf, mithilfe der Digitalisierung das Geschäft unserer Kunden zu vereinfachen. Deshalb nutzen wir die Digitalisierung, um unser Stammgeschäft zu optimieren, abseits disruptiver Geschäftsmodelle. Ergeben sich daraus irgendwann neue Geschäftsmodelle, sind wir dafür offen. Wir reden bei Wago zunehmend von der Marktleistung, die aus einem physischen Produkt aber eben auch aus einem Set digitaler Informationen besteht. Das kann eine einfache Beschreibung sein, es kann aber auch ein Tool für Augmented Reality sein, um direkt in die Produktionsprozesse hinein zu blicken, oder auch ein digitaler Zwilling.

KEM Konstruktion: Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Daten?

Sallach: Ein Grundprinzip wird zukünftig die Offenheit sein, proprietäre Systeme werden sich nicht durchsetzen. Deshalb haben wir uns bei der Wahl der Technologien, gerade in der Automatisierung, für offene Systeme wie Linux entschieden. Mithilfe offener Kommunikations-Standards sind wir ein Schnittstellenweltmeister und können unsere Geräte an alle möglichen Cloud-Systeme anbinden. Offenheit steckt in unserer DNA, so schränken wir Kunden und Partner nicht ein. Herstellerspezifische Plattformen stehen aus Kundensicht dem Prinzip der Offenheit entgegen. Wir gehen deshalb eher der Frage nach, welche Schnittstellen wir zur Verfügung stellen müssen.

KEM Konstruktion: Sie haben formuliert, dass Sie Ihre Kunden maximal unterstützen, ihnen optimale Zugänge und Erlebnisse anbieten möchten. Können Sie das erläutern?

Sallach: Realität in der technischen Kommunikation sind heute seitenlange Detailinformationen. In Zukunft wird es jedoch erforderlich sein, auch sehr komplexe Zusammenhänge kurz und prägnant im sogenannten Story Telling zu übermitteln. Nicht die technischen Daten stehen dabei im Vordergrund, sondern Eigenschaften und Vorteile der Lösungen. ‚Snackable Content‘ soll die immer komplexere digitale Welt verständlich machen, Zusammenhänge aufzeigen und die Aufnahmefähigkeit der Ingenieure und Entwickler nicht überstrapazieren. Kurze Videos können dabei helfen, Zusammenhänge zu vermitteln. Das betrachten wir als erlebnisorientierte Komponente. Ein Beispiel stellen unsere Controller dar sowie die zur Programmierung erforderlichen Software-Tools. Die digitale Verschlüsselung der Kommunikation beispielsweise lässt sich mithilfe einer Animation einfach und verständlich erklären. Das Internet bietet heute viele Möglichkeiten zur Darstellung von Inhalten, wie sie im B2C-Bereich längst etabliert sind. Auch im Business-Bereich werden solche Funktionalitäten erwartet und die Grenzen zwischen B2B und B2C verschwimmen. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir dem IT-System mitteilen können, welche Komponenten wir für eine Lösung benötigen. Das System wird uns dann eine Kombination geeigneter Produkte vorschlagen und dazu alle benötigen Informationen zur Verfügung stellen.

Weitere Informationen über die

Digitalisierungsstrategie des Unternehmens

http://hier.pro/YiPXR


Christian Sallach, Chief Digital Officer
Bild: Wago

„Im Rahmen der Digitalisierung müssen wir als produzierendes Unternehmen sehr genau prüfen, wer zukünftig die Kundenschnittstelle besetzt.“


Christian Sallach, Chief Digital Officer
Bild: Wago

„Wir fokussieren auch unsere digitalen Aktivitäten auf unser Stammgeschäft.“


info

Zum Unternehmen

Wago Kontakttechnik, 1951 gegründet, ist Spezialist für Verbindungstechnik. Mit der Cage Clamp bzw. der Käfig-Zugfeder-Klemme hat das Unternehmen die Welt der Verbindungstechnik maßgeblich geprägt. Anfang der 80er Jahre haben die Mindener Interface-Elektronik sowie Relaisbausteine ins Programm aufgenommen. Später kamen Messwertwandler und Stromversorgungen dazu. Mitte der 90er Jahre ist Wago in die Automatisierungstechnik eingestiegen, mit dem Ziel, offene Standards und ein durchgängiges Software-Engineering zu unterstützen. Das Portfolio reicht heute von Software, HMI-Geräten und Steuerungstechnik über feldbusunabhängige I/O-Systeme bis hin zu Switches und Sensor-/Aktorboxen. Wago bietet damit ein komplettes Portfolio für den Aufbau von Schaltschränken und ist kompetenter Partner für die Automatisierung von der Feldebene bis in die Cloud.



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