Flexible Elternzeitmodelle – Selbestverständnis einer modernen Unternehmenskultur

Zwischen Stofftier und Steuerungstechnik

Dr. Markus Stiegeler genießt es, seine Tochter aufwachsen zu sehen. Der Entwicklungsingenieur bei Bosch Rexroth in Elchingen nahm sich zwei Jahre Elternzeit Bild: Bosch Rexroth
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Fachkräfte in Elternzeit sind noch nicht die Regel – doch Unternehmen wie Bosch Rexroth bieten vielseitige Möglichkeiten für eine individuelle Betreuungsphase. Von flexiblen Arbeitskonzepten profitieren beide Seiten.

Die Autorin: Eva Doppler, Pressereferentin Unternehmenskommunikation bei Bosch Rexroth, Lohr am Main

Der kleine Moritz hat schon wieder Hunger. Nach kurzem Quengeln beginnt er zu schreien, so laut wie er es mit seinen fünf Monaten eben vermag. Gleich darauf ist sein Vater zur Stelle, nimmt ihn auf den Arm und redet beruhigend auf ihn ein. Es ist halb vier in der Früh, an eine erholsame Nachtruhe ist heute – wie in den vergangenen Wochen auch – kaum zu denken. Ein typischer Alltag mit einem Baby, untypisch ist nur, dass sich der Vater gleichermaßen in der Betreuung engagieren kann. Karim Saad, 42, Marketing-Referent bei Bosch Rexroth, befindet sich in Elternzeit.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere ist für viele junge Eltern von großer Bedeutung. Nicht selten haben die staatlichen Förderprogramme, insbesondere deren Umsetzung in den Betrieben, maßgeblichen Einfluss auf die Familienplanung. Sei es, weil die junge Familie auf zwei Gehälter angewiesen ist, oder weil auch die Mutter einen eigenen Karriereplan verfolgt – trotz Kindern. Bei Bosch Rexroth, weltweit aktive Bosch-Tochter für Antriebs- und Steuerungstechnologien, ist eine breite Unterstützung während der Elternzeit selbstverständlich unabhängig vom Geschlecht des Antragstellers. Mehr noch: Mit modernen und flexiblen Instrumenten will das Unternehmen Arbeitsbedingungen schaffen, die den Lebensumständen der Mitarbeiter gerecht werden und gleichzeitig Innovation und Effizienz fördern.
Im Bosch-Konzern sind diese Bestrebungen unter „Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit“ zusammengefasst, ein Label für die Zukunftsfähigkeit der Unternehmensgruppe, das gleichsam nach innen und außen wirken soll. Bei der flexiblen Gestaltung der Elternzeit geht der Plan auf. So entschied sich Karim Saad für eine Teilung seiner Elternzeit in drei zweimonatige Phasen, während derer er noch zwei Tage die Woche arbeitete – bis zu 30 Stunden pro Woche sind per Gesetz während der kindbedingten Auszeit erlaubt. Auch Katharina Buchholz, Mutter des inzwischen 15 Monate alten Hannes, verknüpfte ihre Elternzeit mit einem Teilzeitmodell. Im Verlauf ihrer zweijährigen Elternzeit, die sich unmittelbar an die Mutterschutzfrist anschloss, steigerte die Mitarbeiterin der Qualitätssicherung im Bosch-Rexroth-Werk in Witten stufenweise ihre Bürozeiten: Nach sieben Monaten startete sie mit zehn Wochenstunden, erhöhte dann auf 20 und schließlich auf 27,5 Wochenstunden. In beiden Fällen mit voller Unterstützung des Unternehmens.
Über diese Unterstützung freut sich auch Dr. Markus Stiegeler. Der Entwicklungsingenieur für Hybridantriebe und Baggersteuerungen am Standort Elchingen hat nach der Geburt seiner Tochter Marlene zwei Jahre Elternzeit beantragt. Sechs Monate davon verbrachte er komplett mit der Familie, die übrige Zeit arbeitete er 30 Wochenstunden. „Meine Wünsche und Vorschläge für die einzelnen Phasen wurden in vollem Umfang umgesetzt“, berichtet Dr. Stiegeler. „Das lief mit allen Ansprechpartnern reibungsfrei, obwohl eine sechsmonatige Auszeit noch nicht die Regel ist.“
Wertschätzung für die Angestellten
Die Unterstützung junger Eltern folgt bei Bosch Rexroth der Überzeugung, dass eine flexible Arbeitszeitregelung und Arbeitsorganisation zum Selbstverständnis einer modernen Unternehmenskultur gehört. Selbst in fertigungsnahen Bereichen bemüht sich der Betrieb um individuelle Lösungen für besondere Lebensphasen der Mitarbeiter – wie das Beispiel von Dr. Stiegeler zeigt. Der partnerschaftliche Umgang drückt einerseits die Wertschätzung für die Angestellten aus, soll andererseits die unternehmerische und die Eigenverantwortung der Mitarbeiter erhöhen. „Erwerbsarbeit bei Bosch Rexroth ist einer grundlegenden Veränderung unterworfen“, urteilt Dr. Ingo Rendenbach, Senior Vice President Human Ressources. „Wenn wir von unseren Mitarbeitern Flexibilität fordern, müssen Arbeitszeitregelungen, Arbeitsräume und Verantwortlichkeiten ebenso gestaltet sein.“
Der selbstverständliche Umgang mit den Wünschen der Angestellten in Sachen Elternzeit ist also auch Beleg eines Wandels der Unternehmenskultur. Bei den Mitarbeitern kommt das gut an. „Mein Vorgesetzter hat mich von Anfang an unterstützt und sich sehr flexibel gezeigt, obwohl mein Anliegen sehr kurzfristig kam“, freut sich Karim Saad. Innerhalb weniger Wochen hat Saad die Elternzeit mit seinem Vorgesetzten und der Personalabteilung geregelt und dann auch gleich in Anspruch nehmen können.
Vertiefte Bindung zum Unternehmen
Seine Kollegin aus Witten hat sogar parallel zur Elternzeit an ihrer Karriere gebastelt: Schon in der ersten Phase besuchte die studierte Wirtschaftsingenieurin drei Seminare für Nachwuchsführungskräfte. „Ich finde es noch heute großartig, dass die Fortbildung damals möglich war“, schwärmt die 31-Jährige. „Das Schwierigste daran war, mich für ein paar Tage von Hannes zu trennen. “ Mit der Rolle als berufstätige Mutter kommt sie gut zurecht: „Ich musste mich keinen Moment zwischen Familie und Karriere entscheiden. Im Gegenteil: Bosch Rexroth hat sich bemüht, aus jeder Situation das Beste für alle Beteiligten zu machen.“
Sicher würden nicht alle der bundesweit jährlich mehr als 800 000 Elterngeldempfänger so urteilen. Unternehmen wie Bosch Rexroth versuchen inzwischen jedoch, sich auch über ein hohes Maß an Flexibilität bei Arbeitszeit und Arbeitsplatz von der Konkurrenz um Fach- und Führungskräfte abzusetzen. Das Entgegenkommen in Zeiten, in denen Arbeitnehmer auf große Beweglichkeit angewiesen sind, vertiefe die Bindung zum Unternehmen, ist sich Rendenbach sicher. „Das ist ein wichtiges Kriterium, um qualifizierte Kräfte, die womöglich selbst ausgebildet wurden, langfristig zu halten.“ Von diesen Überlegungen profitieren junge Eltern, für die individuelle Modelle besonders wichtig sind – etwa wenn sich die Eingewöhnungsphase in der Kita länger als geplant hinzieht. Widerstände, in der Personalabteilung oder von den Kollegen als „Windelvolontär“ verhöhnt zu werden, müssen auch Väter hier nicht fürchten.
Auch nicht mit Nachteilen beim Wiedereinstieg. „Sorgen um meinen Arbeitsplatz hatte ich zu keiner Zeit“, berichtet Dr. Stiegeler. „Im Gegenteil: Mit meinem Vertreter habe ich mich bei Bedarf abgestimmt, bei Treffen mit Kollegen konnte ich mich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden halten.“ Die Anerkennung für die beruflichen Leistungen wurde durch die Entscheidung pro Elternzeit nicht geschmälert. Das erleichtert innerfamiliäre Planungen für die Betreuung. So kann sich der promovierte Ingenieur auch eine zweite Elternzeit für das kürzlich geborene Geschwisterchen vorstellen. „Das Unternehmen war präsent während der Elternzeit, drängte sich aber nicht auf. Die Balance hat gepasst“, bestätigt auch Katharina Buchholz. „Ich hatte immer das Gefühl, die Abteilung rechnet weiter mit mir, und gleichzeitig bekam ich die Zeit, die ich mir wünschte. Perfekt!“
Moritz hat zu alldem noch keine feste Meinung. Er ist jedoch sichtlich zufrieden, dass auch sein Papa viel Zeit mit ihm verbringt. Im November ist es wieder soweit: Dann beginnt für Karim Saad die zweite Phase seiner Elternzeit. Er freut sich darauf – hofft aber auf ein paar störungsfreie Nächte. I
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