Machbar: Lackierte Bauteile prozesssicher verschrauben

Praxistaugliche Resultate

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Konstrukteure im Maschinen- und Stahlbau stehen vor einem Problem: Es gibt keine Grundlagen, Richtlinien oder Normen, die das Verschrauben lackierter Bauteile umfassend regeln. Ein Konsortium aus Industrie und Forschung nahm sich dieses Umstands an – und ermittelte erste praxistaugliche Resultate für das prozesssichere Verschrauben lackierter Bauteile.

Patrick Junkers, Geschäftsführer Barbarino & Kilp GmbH (Hytorc)

Einerseits geht es nicht ohne lackierte Bauteile, da sonst der Korrosionsschutz nicht gegeben ist. Andererseits wird der Lack – insbesondere bei Schraubverbindungen der Risikokategorie A – an kritischen Stellen wie der Kopf- oder Mutternauflagefläche vor dem Verschrauben wieder entfernt. Oder diese Stellen werden im Beschichtungsprozess maskiert. Es gilt bis dato, die Lackschicht aus dem Kraftfluss herauszuhalten. Denn die Schicht verändert Reibung, erforderliche Drehmomente und Drehwinkel, das sich ergebende Setzverhalten sowie die effektiv resultierende Montagevorspankraft. Die funktionsrelevante Vorspannkraft und deren Vorspannkraftverlust lassen sich nicht mithilfe der einschlägigen Normen oder Richtlinien analytisch berechnen. Da Lackschichten im Praxisbetrieb nachgeben, kann das bis zu kritischem Verlust an Vorspannkraft und somit zum Versagen der Schraubverbindung führen.
Daher startete ein Konsortium ein Forschungsprojekt. Neben der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik der Hochschule Offenburg beteiligten sich Liebherr Werk Ehingen GmbH, Barbarino & Kilp GmbH (Hytorc), Juko Technik GmbH (Smarttorc) und Emil Frei GmbH & Co. KG (FreiLacke). Das Ziel des Konsortiums: Herauszufinden, wie sich im Kraftfluss befindliche Korrosionsschutzlackschichten auswirken, die im linearen Lastbereich der Schraube ein nicht-lineares Materialverhalten zeigen. Als Referenzanwendung dienten den Forschern der Hochschule Offenburg die von Liebherr aus Korrosionsschutzgründen lackierten Bauteile, aus denen der Drehkranz des Krans gefertigt ist. Das Team untersuchte, wie ein sicherer Schraubmontageprozesses unter Anwendung des streckgrenzengesteuerten Anziehverfahrens (Gradientenverfahren) gestaltet werden kann. Außerdem galt es, die Lacksysteme hinsichtlich Vorspannkraftverlust, Reibung und Korrosionsschutz zu vergleichen.
Als Basis für die Montageversuche verwendeten die Forscher die Hydraulikpumpe Eco2Touch von Juko/Hytorc. Sie kann Schraubenverbindungen mit Lackschichten im Kraftfluss wiederholgenau streckgrenzengesteuert anziehen. Zudem ist die Pumpe in der Lage, mittels des streckgrenzengesteuerten Anzugverfahrens beliebige Schraubverbindungen hinsichtlich ihres möglichen Potenzials zu analysieren.
Ab ins Labor
Die Forscher verschraubten mit fünf verschiedenen Lackarten (drei Nass- und zwei Pulverlacke) versehene Prüfkörper und vermaßen nach dem Schraubvorgang die Länge der Schraube. Sie sollte nach allgemeiner Konstruktionsregel das schwächste Bauteil sein und somit eine gewisse Längenänderung erfahren, damit die notwendige Vorspannkraft erreicht wird. Durch das Ermitteln der Länge lassen sich das Erreichen der Streckgrenze validieren sowie der jeweilige Zielkorridor und die Werte für die Pumpe festlegen.
Die Messungen zeigen ganz klar, dass beim rein drehmomentgesteuerten Verschrauben spezifische Prozesstoleranzen nicht sicher erreicht werden. Obwohl der Vorgang „nicht in Ordnung“ ist, könnte er von einem weniger intelligenten Montagesystem als „in Ordnung“ eingestuft werden. Außerdem belegen die Tests, dass unterschiedliche Lackarten unterschiedlich viel Reibung erzeugen. Einer der Nasslacke beispielsweise streute sehr stark und würde in der Praxis unter bestimmten Bedingungen die Prozesssicherheit gefährden.
Verlust der Vorspannkraft hält sich in Grenzen
Viele der untersuchten Lackschichten wurden trotz einer Streckgrenze von 320 kN in der Kopfauflage nicht zerstört. Für die Praxis bedeutet dies: Stimmt die Rezeptur des Lacks und wird das Bauteil unter sauberen Bedingungen lackiert, dann bleibt der Korrosionsschutz auch nach dem Anziehen – und dem Lösen – erhalten. Wichtig ist dies beispielsweise beim Offshore-Einsatz, da hier durch die Revision die Lackschicht, anders als bei einer Nasslackierung, nicht zerstört würde.
In ersten Testreihen untersuchten die Fachleute Lackschichten in der Kopfauflagefläche einer Referenzanwendung. Es zeigte sich, dass es durch den Lack immer zu einem Verlust an Vorspannkraft kommt. Im Vergleich zu unlackierten Teilen ist dieser Verlust von durchschnittlich weniger als 10 % als gering einzustufen.
Konstrukteure können aufatmen – ein bisschen
Das Fazit für Lackschichten in der Kopfauflage: Wird das vom Konstrukteur entworfene Produkt unterhalb kritischer Temperaturen in einer quasi-statischen Anwendung eingesetzt, dann kann bezüglich Lackschichten in der Kopf- und Mutternauflage von relativ geringen Vorspannkraftverlusten ausgegangen werden.
Offen ist noch, wie sich diese Bauteile unter dynamischen Belastungen verhalten. Außerdem unternehmen die Forscher künftig noch Langzeitversuche und sie wollen ermitteln, wie sich die Lacke und Schrauben beim mehrfachen Verschrauben und Anziehen verhalten.
Fest steht jedoch bereits nach den ersten Testreihen, dass die Betriebsbeanspruchungen der Schraubenverbindung entscheidend sind. Dabei kommt es insbesondere auf die Temperaturen an, die während der gesamten Lebensdauer auf die Schraubenverbindung respektive die angestrebten Korrosionsschutzlacke einwirken. Zudem ist relevant, wie viele Trennfugen und somit Lackschichten insgesamt im Kraftfluss vorhanden sind. Generell führen höhere Schichtstärken zu höheren Setzkraftverlusten.
Ein Zwischenfazit und ein Ausblick
Die Auswertung der bisherigen Versuche zeigt, dass unter bestimmten Bedingungen die getesteten Lacksysteme den hohen mechanischen und thermischen Belastungen, die in einer Kopfauflagefläche herrschen, standhalten können.
Die ermittelten Vorspannkraftverluste lagen in einem Bereich, der nahezu dem von nicht beschichteten Bauteilen entspricht. Dies würde nach den derzeitigen Erkenntnissen keine Gefahr für die Betriebssicherheit der Schraubenverbindung bedeuten. Hinsichtlich des Korrosionsschutzes ist der Erkenntnisstand der, dass die resultierende Lackschicht ausreichenden Korrosionsschutz bieten sollte.
Wie sich bei den Schraubversuchen lackierter Bauteile gezeigt hat, ist der Einsatz eines intelligenten Schraubmontagesystems zwingend erforderlich, um prozesssicher arbeiten zu können. Nur ein der Eco2Touch entsprechend fähiges Schraubmontagesystem kann einen Schraubprozess sicher zu einem optimalen Montagevorspannkraftergebnis führen. I

Info & Kontakt

Barbarino & Kilp GmbH (Hytorc)
Krailling
Jörg Lindemann, Prokurist bei Barbarino & Kilp (Hytorc) und Geschäftsführer Devotec GmbH
Tel.: +49 89 230999-66
Bauma: Halle A5, Stand 533
Detaillierte Informationen zu Anziehverfahren für Verschraubungen: tt1p.de/zt25

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