Phoenix-Contact CTO Bent zur PLCnext Technology

Technologieplattform zwischen OT und IT

Phoenix-Contact-CTO Bent zur PLCnext Technology

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Mittels der Digitalisierung ließen sich die Herausforderungen der Zukunft meistern, betont Roland Bent, CTO und Mitglied der Geschäftsführung von Phoenix Contact im Interview mit der KEM Konstruktion. Die Blomberger positionieren sich dazu an der Schnittstelle zwischen Automatisierungs- und IT-Welt. Insbesondere mit der PLCnext Technology erhalten Maschinenbauer eine Technologieplattform, mit der sich Prozesse entlang der Wertschöpfungskette durchgängig digitalisieren lassen – was nicht nur zu Wettbewerbsvorteilen führt, sondern auch die oft zitierten neuen Geschäftsmodelle ermöglicht.

Interview: Michael Corban und Andreas Gees, Chefredaktion KEM Konstruktion

KEM Konstruktion: Herr Bent, Sie begleiten die Diskussion von Beginn an: Gibt es einen Unterschied zwischen Digitalisierung und Industrie 4.0?

Bent: Digitalisierung bewegt unsere gesamte Gesellschaft – nicht nur die Industrie –; und insbesondere der private Bereich hat sich durch die Digitalisierung schon sehr deutlich verändert. Bezogen auf das industrielle Umfeld gibt uns die Digitalisierung technische Mittel an die Hand, die großen Herausforderungen unserer Gesellschaft zu lösen. Die Energiewende lässt sich ohne Digitalisierung, ohne smarte Energienetze überhaupt nicht umsetzen. Entscheidend ist in allen Fällen: Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie gibt uns vielmehr die Chance, Prozesse besser und effizienter zu machen. Genau hier liegt auch der große Vorteil für die produzierende Industrie, für die der Begriff Industrie 4.0 steht – das enorme Potenzial hinsichtlich Effizienz- und Produktivitätssteigerungen, was hin zu neuen Geschäftsmodellen und einer Vielzahl neuer Produkte und Produktfunktionalitäten führt.

KEM Konstruktion: Würden Sie auch differenzieren zwischen digitization – dem Umstieg von analoger auf digitale Technik – und digitalization entsprechend ‚der Digitalisierung‘ so wie der angelsächsische Sprachraum?

Bent: In der Tat digitalisieren – im Sinne des Begriffs ‚digitization‘ – wir schon seit rund 30 Jahren. Da genügt ein Blick auf die Entwicklung der Industriesteuerungen. Unter dem heutigen Schlagwort Digitalisierung subsummieren sich aber ganz neue Möglichkeiten: Sensorik lässt sich nun zu extrem günstigen Kosten sehr vielseitig einsetzen – damit wird das Sammeln von Informationen sehr preiswert. Da parallel das Mooresche Gesetz weiter gilt, steht zeitgleich eine hohe Rechenleistung zur Verfügung. Zusammen mit der intelligenten Vernetzung von Maschinen und Menschen führt all das zu innovativen Geschäftsmodellen, Prozessen und Produkten. Nun sind wir gefordert, die sich daraus ergebenden Chancen auch zu nutzen. Digitalization oder Digitalisierung ist damit weit mehr als die technische Umsetzung – und genau das ist auch mit dem in Deutschland geprägten Begriff Industrie 4.0 gemeint. Es geht nicht nur darum, Produktionsabläufe im technischen Sinne direkt zu digitalisieren, sondern es geht darum, die gesamten Prozesse zu digitalisieren. Neben den primären Wertschöpfungsprozessen gehören dazu alle administrativen Prozesse inklusive Produktentwicklung und Vermarktung. Von der Idee bis zum Recycling ist dazu ein durchgängiges Engineering mit dem datentechnischen Abbild des Produktes gefordert – dem sogenannten digitalen Zwilling.

KEM Konstruktion: Daraus entstehen dann die smarten Technologien oder wie Sie es einmal formuliert haben: die ‚Smarties‘?

Bent: Ganz genau – aus Sicht der Plattform Industrie 4.0 beginnt Industrie 4.0 beim Kundenwunsch und reicht bis hin zur Auslieferung des Produktes unter Einschluss der Logistikprozesse.

KEM Konstruktion: Wie weit ist Phoenix Contact selbst bei der Umsetzung der Digitalisierung?

Bent: Das lässt sich schwer in harten Zahlen ausdrücken, entscheidend ist: Wir sind auf dem Weg und beschäftigen uns sehr intensiv und konkret mit dem Thema Industrie 4.0. Von Beginn an begleiten wir die Aktivitäten der Plattform Industrie 4.0 und bis auf das Thema Recht sind wir dort in allen Arbeitskreisen vertreten. Für uns selbst haben wir im Rahmen der Agenda 2023 eine Strategie zur digitalen Transformation erarbeitet. So existiert ein Steuerkreis Industrie 4.0, der direkt an die Geschäftsführung berichtet oder von ihr geführt wird. Dieser umfasst alle wesentlichen Unternehmensbereiche. In der darunter liegenden Umsetzungsebene sind Leuchtturmprojekte definiert, mit deren Hilfe wir Erfahrung sammeln können. Das umfasst beispielsweise die Erzeugung der bereits erwähnten digitalen Zwillinge für unsere Produkte genauso wie die digitale Schnittstelle zu unseren Kunden oder das Pilotprojekt Arbeit 4.0. Ziel ist hier, Mitarbeiter auf solche neuen Strukturen in übergreifenden Produktionsprozessen vorzubereiten. Das erfordert interdisziplinäres Verständnis, das wir in der Aus- und Weiterbildung vermitteln wollen.

KEM Konstruktion: Gehen durch Industrie 4.0 – gerade auch in Verbindung mit der Robotik, wie aktuell diskutiert – Arbeitsplätze verloren?

Bent: Ganzheitlich betrachtet bin ich der festen Überzeugung, dass bei uns weiterhin neue Arbeitsplätze entstehen werden: Einerseits, weil wir durch die Nutzung der Potenziale der Digitalisierung wettbewerbsfähiger werden, und andererseits, weil wir selbst als Automatisierer ja ein Enabler der Digitalisierung für unsere Kunden sind. Damit steigt der Bedarf an Automatisierungs-, an Steuerungs- und Verbindungstechnik. Entscheidend wird sein, unsere Mitarbeiter durch Weiterbildung darauf vorzubereiten. In der Summe sehen wir mehr Chancen als Risiken.

KEM Konstruktion: Phoenix Contact sammelt ja mit der Unternehmenstochter Protiq sehr konkret Erfahrungen mit der Digitalisierung im Bereich 3D-Druck. Welche Zielsetzung verfolgt insbesondere ein Automatisierungsunternehmen mit diesem Engagement?

Bent: Neben dem sehr spannenden 3D-Druck an sich – insbesondere mit Blick auf kleine und kleinste Losgrößen, auch für uns selbst! – ist das ganz konkret der Versuch, die sich abzeichnende Veränderung der Geschäftsmodelle schon einmal vorzudenken und Erfahrungen damit zu sammeln. Denkbar ist ja durchaus, dass in weiterer Zukunft kein physisches Produkt mehr verkauft wird, sondern nur noch der Datensatz – das Produkt damit also erst beim Kunden entsteht. In gleichem Maße spannend ist aber auch das Plattformgeschäft – wir bauen dort einen Marktplatz mit digitaler Interaktion auf, der zudem auch Wettbewerbern der Protiq offen steht. Wir nähern uns dem Thema Industrie 4.0 also nicht nur akademisch, sondern sammeln praktische Erfahrungen.

KEM Konstruktion: Kommen wir zurück zum Automatisierungsgeschäft – welche Ziele verfolgt Phoenix Contact mit der Agenda 2023?

Bent: Wir setzen sehr stark auf das Thema Lösungskompetenz. Sprich die Fähigkeit, in spezifischen Industrieanwendungen unseren Kunden mehr zu bieten als ‚einfache‘ Produkte. Will heißen: Mehrere Produkte kombiniert, zusammen mit Software und ergänzt durch Dienstleistungen ermöglichen es unseren Kunden, die Chancen der Digitalisierung zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen. Diese Applikationskompetenz bieten wir für die Fabrikautomatisierung, die Prozesstechnik sowie die Bereiche Infrastrukturen und Energie an – auch mit der entsprechenden personellen Aufstellung. In der Energiewirtschaft liegen also nicht nur die Wurzeln von Phoenix Contact, sondern über das Thema ‚smarte Netze‘ auch ein Teil unserer Zukunft. Das war auch der Grund für die Übernahme der Mauell Netzleittechnik, jetzt Phoenix Contact Energy Automation.

KEM Konstruktion: In der Industrieautomatisierung versuchen auch Unternehmen wie Amazon, IBM, Google oder SAP Fuß zu fassen – teilweise bis hinab in die Feldebene. Entstehen hier neue Wettbewerber?

Bent: Das zeigt exemplarisch die Chancen und Risiken der digitalen Transformation. Entscheidend ist: Eine Gefahr entsteht für den, der sich passiv verhält und nichts ändert. Wenn man sich allerdings in die Position bringt, aktiv zu gestalten – genau das ist der Ansatz von Phoenix Contact –, entstehen neue Chancen, beispielsweise durch Kooperation. Für uns heißt das ganz konkret: Wir wollen die Schnittstelle zwischen dem Shopfloor – also der Welt, in der wir zuhause sind – und der Welt der Informationstechnologie, der Data Analytics und datenbasierten Geschäftsmodelle selbst in die Hand nehmen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil IT-Unternehmen zwar die softwaretechnische mathematische Umsetzung der Datenanalyse beherrschen, ihnen aber das Anwendungs-Know-how fehlt, das domänenspezifische Wissen, welches wir bieten können. Wir glauben, dass genau das auch unsere Kunden von uns erwarten.

KEM Konstruktion: Sie hatten das Thema Software schon angesprochen – ist das der Grund, warum Phoenix Contact 2001 KW-Software übernahm, seit 2015 firmierend als Phoenix Contact Software?

Bent: Exakt – die Relevanz dieser Softwarekompetenz für uns zeigt deutlich unsere neue PLCnext Technology. Die Grundidee ist, die Sicherheit einer deterministisch arbeitenden Industriesteuerung zu verbinden mit der Offenheit und Flexibilität, die wir aus der Welt der Smart Devices kennen. Der Vorteil ist: Damit wird es möglich, eine Vielzahl von Anwendungen in der Steuerung auszuführen. Deswegen war es auch ein weiteres wichtiges Ziel, dem Anwender bei der Wahl der Programmiersprache die Wahl zu lassen. Funktionen nach IEC 61131-3 lassen sich auf diese Weise mit Routinen geschrieben in C/C++ oder C# sowie aus Matlab Simulink kombinieren; bei den Tools können also auch Visual Studio, Eclipse, Matlab Simulink oder PC Worx Engineer verwendet werden. Anders formuliert: Ich bin frei, zunächst die regelungstechnische Aufgabe zu beschreiben, um dann den Steuerungscode zu generieren; mit den Tools meiner Wahl und zeitlich unabhängig voneinander – so dass verschiedene Entwickler im Team arbeiten können. Dennoch bleibt am Ende die Deterministik erhalten!

KEM Konstruktion: Deswegen sprechen Sie bezüglich der PLCnext Technology auch von einer offenen Entwicklungsplattform…

Bent: …mit der wir den entscheidenden Schritt in die Industrie-4.0-Welt gehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass unser Automatisierungsangebot bereits die Konnektivität zur Cloud bietet – und sich damit ‚Apps‘ beziehungsweise neue Funktionalitäten in die Steuerung laden und ausführen lassen. Das erlaubt auf der technischen Ebene die eingangs geforderte intelligente Vernetzung von Maschinen und Menschen bis hin zur Realisierung neuer Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte. PLCnext Technology ist unsere Technologieplattform.

KEM Konstruktion: Bietet Phoenix Contact damit mittelfristig eher Software als Hardware an?

Bent: Wir wollen beides anbieten, wobei Software ganz klar ein wichtiger werdender Teil des Geschäftsmodells ist. Generell wird im Maschinenbau immer mehr Funktionalität in der Software stecken. Gleichwohl werden wir auch in zehn Jahren nicht nur Software verkaufen – wir werden auch weiterhin ein produzierendes Unternehmen bleiben. Unser Ziel ist, Hard- und Software anzubieten.

KEM Konstruktion: Können Sie uns ein Beispiel für die disruptive Kraft der Digitalisierung nennen?

Bent: Greifbar wird das bei Software-definierten Produkten. Smartphones besitzen eine relativ austauschbare Grundfunktionalität, mit allen kann man telefonieren. Die Differenzierung erfolgt nun durch die Möglichkeit, verschiedene Applikationen per App zu nutzen. Dieser Gedanke lässt sich durchaus auf den Maschinenbau übertragen: Möglicherweise wird auch hier die Differenzierung zukünftig über Anwendungen – Apps – erfolgen, die sich von offenen Plattformen herunterladen lassen. Das hat dann schon den Charakter von Disruption, weil sich das zugrundeliegende Geschäftsmodell ändert – eventuell sogar in eine andere Hand wandert. Das wissen die Maschinenbauer und sie beschäftigen sich deswegen mit der Frage, wie sich Daten sinnvoll nutzen lassen. Bis hin zu Geschäftsmodellen, bei denen nur noch eine Leistung angeboten wird – etwa die Zahl produzierter Teile. Bei Flugzeugtriebwerken gibt es bereits heute ein integriertes IoT-Konzept, bei dem nur noch Flugstunden abgerechnet werden. Im Maschinenbau entwickelt sich das erst, aber ich kenne schon einen großen chinesischen Maschinenbauer mit solch einer Plattform, über die dieser bereits einen nicht unerheblichen Teil seines Geschäfts abwickelt.

www.phoenixcontact.de

Weiterführende Infos zur PLCnext Technology:

http://hier.pro/KuunE


„Von der Idee bis zum Recycling ist ein durchgängiges Engineering mit dem datentechnischen Abbild des Produktes gefordert – dem sogenannten digitalen Zwilling.“

Roland Bent, Chief Technology Officer und Mitglied der Geschäftsführung, Phoenix Contact GmbH & Co. KG
Bild: Thomas Franz/Konradin Mediengruppe

„Die Grundidee ist, die Sicherheit einer deterministisch arbeitenden Industriesteuerung zu verbinden mit der Offenheit und Flexibilität, die wir aus der Welt der Smart Devices kennen.“

Roland Bent, Chief Technology Officer und Mitglied der Geschäftsführung, Phoenix Contact GmbH & Co. KG
Bild: Thomas Franz/Konradin Mediengruppe

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Phoenix Contact mit Sitz der Unternehmenszentrale in Blomberg liefert Komponenten, Systeme und Lösungen für die Elektrotechnik, Elektronik und Automation. Dazu zählt vor allem Verbindungs- und Automatisierungstechnik für die Verkehrsinfrastruktur, die Elektromobilität, für sauberes Wasser, regenerative Energien und intelligente Versorgungsnetze sowie den energieeffizienten Maschinen- und Anlagenbau – von der Klemme bis zur Steuerung. Seit 2001 gehört bereits KW-Software zur Unternehmensgruppe, seit 2015 unter dem Namen Phoenix Contact Software. 2017 wurde zudem Mauell Netzleittechnik übernommen, jetzt firmierend als Phoenix Contact Energy Automation.

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