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Zentraleuropachef Kurtaz von Dassault Systèmes zu neuen Ansätzen in der Produktentwicklung

Produktentwicklung
Zentraleuropachef Kurtaz von Dassault Systèmes möchte Ingenieure weitergehender unterstützen

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Dassault Systèmes treibt insbesondere mit der 3DExperience-Plattform auch die durchgängige Nutzung digitaler Produktdaten voran. Das Unternehmen möchte aber neben der Frage der Technologie auch Antworten auf die Frage geben, wie etwa Maschinenbauingenieure künftig arbeiten. Warum diese auch über Systeme und Software Bescheid wissen sollten, erläutert Dominic Kurtaz, neuer Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes.

Interview: Ulrich Sendler, Analyst und Buchautor (plmportal.org)

Ulrich Sendler: Herr Kurtaz, welche Herausforderung sehen Sie als neuer Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes auf sich zukommen?

Dominic Kurtaz (Dassault Systèmes): Wir sind als Softwareentwickler dafür bekannt, immer auf der Suche nach dem nächsten Schritt, der nächsten neuen Anwendung oder neuen Erweiterungen der 3DExperience-Plattform zu sein. Manchmal müssen wir aber auch umdenken. Wir haben heute Millionen von Anwendern unserer Kerntechnologie. Deshalb müssen wir uns nicht nur auf den nächsten Schritt konzentrieren, sondern beispielsweise auch auf die Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten – sprich die Frage, was sie für die Zukunft benötigen. Dazu gehört beispielsweise, Maschinenbauingenieure dabei zu unterstützen, mehr über Systeme und Software sowie die Validierung von Simulationen nachzudenken.

Um es an einem Beispiel konkreter zu machen: In der Automobilindustrie ist die Elektrifizierung ein Schlüssel, die Mobilität der Zukunft ist ein Schlüssel und die Brennstoffzelle ist ein Schlüssel. Niemand braucht diesen Unternehmen zu sagen, wohin sie müssen. Die Frage ist, wie sie dorthin kommen. Wir müssen uns künftig ebenso sehr auf das Wie konzentrieren wie auf das Was, das in der Vergangenheit unser Hauptaugenmerk hatte.

Sendler: Wie wollen Sie das ‚Wie‘ angehen?

Kurtaz: Unter anderem, indem es intern eine andere Art von Führung geben wird. Unser geschäftlicher Erfolg ist sehr stark vom Erfolg der Mitarbeiter abhängig. Ich möchte unsere Mitarbeiter in die Lage versetzen, anders zu denken, ihnen neue Ziele setzen und sie dabei stärken. Wenn wir den Kunden in unserem Denken an die erste Stelle setzen, treibt das letztendlich unseren eigenen langfristigen Erfolg voran. Manchmal verlieren wir die Tatsache aus den Augen, dass es der Erfolg unserer Kunden ist, der unseren eigenen Erfolg antreibt. Ein Aspekt ist also die Neupositionierung dessen, wofür wir hier in EuroCentral als Dassault Systèmes stehen.

Unter Kundenorientierung verstehe ich, dass ich von unseren Kunden nicht nur als derjenige wahrgenommen werden möchte, der Systems Engineering beherrscht, sondern als vertrauenswürdiger Partner für viele neue Themen, natürlich aber auch für unsere bestehenden Felder. Die Simulation ist ein gutes Beispiel. In vielen Unternehmen ist es immer noch der Spezialist, der Simulation einsetzt. Nicht jeder Ingenieur hat sie auf seinem Desktop, obwohl es technologisch inzwischen möglich ist.

Dassault Systèmes ernennt Kurtaz zum Managing Director EuroCentral

Sendler: Sie sprachen das Thema Software an – strebt Dassault Systèmes so etwas wie die Low-Code-Entwicklung voran, um die digitale Transformation für seine Kunden zu erleichtern?

Kurtaz: Es geht nicht nur um Low Code, sondern auch darum, dass Unternehmen wieder ihre eigenen CAD-Systeme bauen – wie in den Anfängen, als firmenspezifische Software der Standard war. Die Menschen erfinden ihre eigenen Integrationen und passen ihre eigenen Prozesse an. Es gibt immer noch zu viel Anpassung. Da muss erst ein Umdenken stattfinden, bevor wir mit Dingen wie Low Code beginnen können. Das wird kommen, aber wir sind noch ein Stück davon entfernt.

Sendler: Welche Trends sehen Sie denn auf dem Markt für Industriesoftware?

Kurtaz: In unserer Branche wird seit vielen Jahren über Transformation und große Themen wie Product Lifecycle Management (PLM) gesprochen. Wenn wir zurückschauen und genauer untersuchen, was unsere Kunden gemacht haben, dann war es doch vielfach immer noch der Einsatz von Technologie innerhalb von Silos in den Unternehmen. Die Akzeptanz von IT als Mittel zur digitalen Transformation ist immer noch eher die Ausnahme als die Norm.

Allerdings gibt es jetzt in der Pandemie eine gewisse Beschleunigung. Die Menschen fangen an, mehr vom Anfang bis zum Ende zu denken. Die Kunden erkennen zunehmend die Transformationsaspekte, die die IT mit sich bringen kann, und nicht nur die operative Exzellenz innerhalb der einzelnen Silos.

Wir kommen aus diesen spezialisierten Bereichen in den Automobilunternehmen, wir kommen aus Bereichen wie Roh-Karosserie oder Fahrwerk oder Systemtechnik. Es ist gut, dass wir dieses tiefe Fachwissen haben, aber wahrscheinlich haben weniger als 30 Prozent der Mitarbeiter beim Kunden mit diesen Technologiesilos in dieser Tiefe täglich zu tun. Deshalb müssen wir den anderen 70 Prozent den Zugang zu diesen Silos erleichtern und die Nutzung der Daten und Prozesse aus diesen Silos viel, viel einfacher machen. Bislang galt die Denkweise, dass die Spezialisierung und das Know-how innerhalb dieser Silos der Schlüssel für die Transformation waren. Es war aber eher die Grundlage dafür, während der eigentliche Schlüssel für die Transformation ist, den Zugang zu diesem Fachwissen viel, viel einfacher zu machen. Hier hat die 3DExperience-Plattform den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir bauen auf der Spezialisierung auf und machen es einfacher.

Sendler: Was hat sich durch die Pandemie verändert?

Kurtaz: 3DExcite zur Generierung von Marketingdaten auf Basis von Produktdaten ist ein gutes Beispiel dafür. Das Geschäft von 3DExcite basierte und basiert immer noch auf der Arbeit mit sehr sensiblen Daten unserer Kunden. In den letzten zwanzig Jahren waren sie sehr streng in Bezug darauf, wie wir auf diese Daten zugreifen, wie wir diese Daten verwalten und sogar, wo wir mit diesen Daten arbeiten. Innerhalb von zwei Wochen hat sich das im März 2020 komplett geändert. Unsere Kunden sagten, die Daten seien sehr geschäftskritisch für sie, und wenn wir unsere Mitarbeiter mobilisieren müssten, damit sie von zu Hause aus arbeiten können, dann seien ihnen all die alten Prozesse egal, so lange wir uns nur weiterhin verpflichten, ihre Daten zu verwalten. Das klingt wie ein operatives Thema, aber es ist ein Transformationsthema. Warum? Weil wir jetzt die Daten überall auf der Welt einsetzen können. Das erlaubt uns eine Skalierung nach oben und nach unten und die Übernahme von Daten in neue Geschäftsbereiche, was vorher nicht möglich war. Das hat das Betriebsmodell unseres Geschäfts komplett verändert, und das in einem Zeitrahmen von zwei Wochen. Es war unglaublich.

Interessant ist auch: In einem Gespräch räumte ein Manager eines unserer Kunden aus der Automobilbranche ein, dass er keine Kontrolle mehr über die verschiedenen Prozesse, Technologien und Zugangspunkte haben kann. Er kann ein Daten-Framework aufbauen und weiß, dass er keine Kontrolle mehr über die Zugriffe hat. Das verändert die Denkweise in der IT. Wenn jemand auf Daten zugreifen will, hat er einen gemeinsamen Einstiegspunkt und einen gemeinsamen Standard. Das Entwicklerportal eines großen Automobil-OEMs ist dafür ein gutes Beispiel. Anwendungen werden auf der ganzen Welt und in allen Bereichen des Unternehmens entwickelt. Die Anwendungsentwicklung selbst ist nicht mehr kontrollierbar, aber der Rahmen, und die Datenbasis, auf die die Anwendungsentwickler Zugriff haben, sind definiert. Das setzt andere Parameter für den CIO. Die Kontrolle ist weg, aber das haben noch nicht viele Menschen erkannt.

Sendler: Was denken Sie, wie wird Dassault Systèmes selbst aus dieser Pandemie herauskommen?

Kurtaz: Dassault Systèmes hat ein sehr robustes Geschäftsmodell. Ein Großteil unserer Umsätze basiert auf Subskriptions- und Lizenzverlängerungsgebühren. Und da unsere Angebote für unsere Kunden geschäftskritisch sind, sehen wir eine hohe Stabilität bei der laufenden Erneuerung. Das ist eine gute Sache. Ich denke, wir werden aus der Krise gut herauskommen.

Aber letztlich wird unser Erfolg durch den Erfolg unserer Kunden bestimmt. Die vielen Unbekannten in den verschiedenen Branchen sind also eine Chance für uns, die Beziehungen zu vielen Kunden neu zu bewerten und sicherzustellen, dass für uns genau dieses neue Denken im Zentrum steht. Bei vielen der klassischen Themen, die wir gut kennen, ist das schon so. Aber bei vielen der neuen Themen, etwa wie unsere Kunden wiederum mit ihren eigenen Kunden interagieren, da sind wir eher ein Herausforderer. Wenn unsere Kunden Dassault Systèmes als den Anbieter wahrnehmen, der ihnen hilft, die Kommunikation und Interaktion mit ihren Kunden neu zu erfinden, wäre das ein großartiges Ergebnis, mit dem wir aus der Pandemie herauskommen.

Partnerschaft von Dassault Systèmes und Xometry

Sendler: Lassen Sie uns zum Abschluss noch auf Ihre Erfahrungen mit der Leitung von 3DExcite zurückblicken. Lässt sich ein Fazit ziehen?

Kurtaz: Ich denke, 3DExcite ist eine super-spannende Marke. In der Vergangenheit ging es vor allem um Bilder und Filme. Aber wenn man es jetzt als Teil der 3DExperience-Plattform rund um Themen wie das Internet of Things (IoT) betrachtet, wo wir wirklich digitale Erfahrungen einbringen wollen, wie sich das Produkt im Kontext verhält, dann ist das Teil des Bewusstseins- und Entscheidungsprozesses. Es eröffnet den Wert des virtuellen Zwillings in völlig neuen Bereichen. Das bietet enorme Möglichkeiten für ein echtes Gespräch mit Unternehmen darüber, wie sie dies für neue Service- und Geschäftsmodelle nutzen können.

Sendler: Lassen sich diese Erkenntnisse in Ihrer neuen Funktion nutzen?

Kurtaz: Dassault Systèmes ist bereits führend bei PLM und CAD und vielen Aspekten der digitalen Fertigung. Aber bei Themen wie MBSE, Fertigung, Logistikplanung – da müssen wir eine Herausforderer-Mentalität entwickeln. Wenn wir auf den Elementen der Branche aufbauen, in denen wir als führend anerkannt sind – als Beschleuniger von Innovation, Akzeptanz und Antrieb bei den neuen Themen –, können wir diese Dinge miteinander verbinden. Ich denke, das ist der wesentliche Grund, warum ich nun die neue Position bekleide. 3DExcite ist ein gutes Beispiel dafür. Es war ein Angebot, das sehr auf händische Umsetzung orientiert und von anderen Tools abgekoppelt war, selbst von der Technologie her. Jetzt ist der virtuelle Zwilling nicht mehr nur eine Fertigungs- oder Produktdarstellung, sondern etwas, das man dem Kunden geben kann. Der Umfang des Digitalen Zwillings muss neu gedacht und in die nächste Dimension weiterentwickelt werden.

3DExcite ist zudem ein gutes Beispiel dafür, wie diese Technologien industrialisiert wurden. Die Daten vom Engineering in die Virtuelle Realität (VR) zu transformieren, war ein enormer Aufwand und beinahe ein separater Prozess. Das war nicht zielführend. Der Prozess, wie man jetzt die Daten in VR bekommt, ist völlig anders. Man kann also darüber nachdenken, VR aus der Cave zu holen und auf den Desktop der Menschen zu bringen. (co)

Weitere Infos zur digitalen Transformation in verschiedenen Branchen:
hier.pro/2kAW4

Kontakt:
Dassault Systemes Deutschland GmbH
Meitnerstr. 8
70563 Stuttgart
Tel. +49 711 273000
www.3ds.com/de

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