Heimo Ebner, kaufmännischer Geschäftsführer, NKE Austria GmbH, Steyr

Welche Krise?

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Keine Entlassung, keine Kurzarbeit, kein Umsatzeinbruch – gibt es nicht? Gibt es wohl in Steyr in Österreich. Ganz im Gegenteil: Mitarbeiter eingestellt, Neubau realisiert, kein Umsatzrückgang – das sind die Fakten des Wälzlagerherstellers NKE. KEM sprach mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Heimo Ebner, der sich an dieser Stelle bei seinen Mitarbeitern für ihren Einsatz und Engagement bedanken möchte.

Wer ist NKE?

Ebner: Wir sprechen von einer kleinen Firmengruppe, die als Familienunternehmen zu gleichen Teilen Harald Zerobin und mir gehört. In der Holding sind wir Partner, wobei er für die technische Geschäftsführung wie Produktion, Qualität und Beschaffung verantwortlich zeichnet, während ich mich um die kaufmännischen Belange kümmere wie Vertrieb, Finanz, Marketing, IT und Projektmanagement. Wir haben drei operative Töchter, von denen die NKE Austria bei weitem das größte Business abdeckt. Hier entwickeln, produzieren und vertreiben wir Wälzlager unter der Marke NKE. In der Lingtos Handelsgesellschaft vertreiben wir ebenfalls Wälzlager, und zwar alle Marken außer der NKE im kleinen Rahmen. Das sind Zukäufe für Kunden, die speziell diese Marken benötigen. Unser jüngstes Unternehmen ist die NKE Bildungs- und Service GmbH, die sich mit Aus- und Weiterbildung befasst. Schließlich haben wir noch zwei Joint Ventures in den Emerging Markets Indien und China, wo wir Minderheitsbeteiligungen haben, ebenfalls im Bereich Wälzlager.
NKE ist mit dem Gründungsjahr 1996 ein recht junges Unternehmen mit einer rasanten Entwicklung. Wie konnten Sie sich in einer so traditionellen Branche wie den Wälzlagern etablieren?
Ebner: Von mehreren Faktoren, die da eine Rolle spielen, möchte ich nur drei erwähnen: Anfangs hat uns der Standort Steyr sehr geholfen. In dieser kleinen aber sehr feinen Industriestadt Österreichs gibt es sehr gut ausgebildetes Personal. Herr Zerobin und ich kamen damals von einem hier ansässigen Wälzlagerhersteller. Außerdem ist die Branche nicht mehr so traditionell wie sie das noch vor zig Jahren gewesen ist. Es gibt hier neue Player am Markt und damit auch Bewegung. Auch die Kunden öffnen sich heute tendenziell für neue Alternativen. Dieser Trend hat dazu beigetragen, dass wir schnell Fuß fassen konnten. Drittens hat sich ein Konzentrationsprozess in der Wälzlagerbranche etabliert. Die großen Hersteller gehen zusammen, was für den Kunden weniger Auswahlmöglichkeit bedeutet. Wir sehen uns als Alternative dazu, indem wir den Kunden eine Wahlmöglichkeit bieten.
Welche Wälzlagertypen umfasst Ihr Produktportfolio oder sollte man eher fragen, welche bieten Sie nicht?
Ebner: Wir haben ein sehr breites Programm, aber nicht alle Lagertypen im Portfolio, so wie auch kein anderer Wälzlagerhersteller das gesamte Portfolio abdeckt. Wir bieten das klassische Programm wie Rillenkugellager, Pendelkugellager, Pendelrollenlager, Kegelrollenlager, Schrägkugellager, Axialrillenkugellager und Gehäuselagereinheiten. Spezialisiert haben wir uns aus historischen Gründen auf Zylinderrollenlager und Sonderlager in allen möglichen Bauformen. Unter Sonderlager verstehen wir Lager, die zeichnungsgebunden sind. Diese nehmen etwa 30 Prozent unseres Geschäftes ein.
Sie bieten Wälzlager der Premiumklasse an. Wodurch unterscheiden sich Ihre Produkte von denen Ihrer Wettbewerber, die das ja auch von sich behaupten?
Ebner: Da muss man erst einmal Wettbewerb und Premiumklasse definieren. Unser relevanter Wettbewerb setzt sich aus etwa acht bis zehn namhaften globalen Herstellern zusammen, die allesamt viel größer sind als wir. Wir sind ein relativ kleiner Player in diesem Gesamtkonzert und messen uns mit diesen Herstellern, welche die Premiumklasse der Wälzlager definieren. Wir erheben daher nicht den Anspruch, bessere Lager zu bieten als sie, sondern bieten Produkte an, die sich auf diesem Niveau bewegen. Unser Premium-Anspruch bezieht sich allerdings auf Service, Flexibilität, Kundenorientierung und Verfügbarkeit sowie die Möglichkeit, dem Kunden eine Wahl zu geben.
Sie betreiben „Qualitätspolitik“. Was genau ist damit gemeint?
Ebner: Das ist auch eine Frage der Definition. Wir erfüllen oder übererfüllen die Ansprüche und Erwartungen unserer Kunden. Um das zu erreichen, müssen alle Mitarbeiter ihren Beitrag dazu leisten. Dafür haben wir in unserem Hause klare und deutliche Richtlinien niedergeschrieben, die sich nicht nur auf die Produktqualität beziehen – die vorausgesetzt wird – sondern auch auf den bereits angesprochenen Service.
NKE hat den Umsatz von 2007 auf 2008 nahezu verdoppelt. Welche Branchen und Produkte haben Ihnen dabei besonders geholfen und wie erging es Ihnen wirtschaftlich nach dieser Zeit bis heute?
Ebner: Der Hauptwachstumsträger war der Getriebebau sowohl für die Industrie als auch für Windkraftanlagen. Hier sind wir weltweit tätig. Produkte waren in erster Linie Zylinder-, Kegel- und Pendelrollenlager. Die Nachfrage in diesem Bereich nach Großlagern mit Außendurchmessern größer 500 mm war enorm und von unserem Wettbewerb nicht zeitnah abzudecken. In der Produktion gab es punktuell unglaubliche Lieferzeiten, die jenseits der dreißig Monate lagen. Wir waren damals in der Lage in zehn bis zwölf Monaten zu liefern. Aktuell stellen wir fest, dass die Lieferzeiten für Wälzlager schon wieder länger werden, und uns mehr und mehr Kunden wieder das Vertrauen schenken. 2009 hatten wir denselben Umsatz wie im Jahr davor. Auch wenn das Jahr 2010 nicht so stark gestartet ist, sehen wir doch heute eine Verbesserung der Auftragslage besonders durch viele kleinere Aufträge. In 2008 und 2009 haben wir etwa 15 Millionen Euro in die Hardware investiert, danach sehr viel in die Software im Sinne von Mitarbeitern und Führungskräften.
Mit welchen kundenspezifischen Herausforderungen kämpfen derzeit ihre Entwicklungsingenieure?
Ebner: Wir arbeiten zurzeit stark in Projekten an der Optimierung der Reibungsverhältnisse, der Kontaktgeometrie und des Schmierverhaltens. Außerdem bauen unsere Ingenieure im Zuge unseres Neubaus derzeit Prüfstände auf, die auch von Kunden genutzt werden können. Zudem befassen wir uns mit alternativen Materialien. Speziell für die Wälzkörper sehen wir künftig viel Änderung hin zum Einsatz von Keramik.
Sie haben zum Beginn der Krise neu gebaut. Hat das nicht Probleme bereitet?
Ebner: Im Gegenteil, es war die perfekte Zeit zum Bauen. Aufgrund unserer rasanten Entwicklung hatten wir die Notwendigkeit 2008 eine Erweiterung unserer Produktionsfläche in Angriff zu nehmen. Von 2008 auf 2009 haben wir dann auf einer Gesamtfläche von 22 000 Quadratmetern in einem sehr attraktiven Gewerbepark in Steyr unseren Neubau realisiert. Auf diesem Grundstück können wir weiter expandieren, was wir für die Realisierung unserer Ziele auch brauchen werden.
Wo möchte sich denn NKE zukünftig im Markt positionieren, was sind das für Ziele?
Ebner: Die Ziele haben wir in unserer Vision festgeschrieben. Wir möchten die überzeugende Alternative in der Premiumklasse der Wälzlagerhersteller sein, die anspruchsvolle Kunden überzeugt. Außerdem möchten wir uns zum Spezialisten in bestimmten Produktsegmenten weiterentwickeln, speziell dem Zylinderrollenlager. Natürlich wollen wir weiter wachsen, in fünf bis sieben Jahren streben wir einen Umsatz im dreistelligen Millionen-Bereich an, im Vergleich zu 2009 waren das 43 Millionen Euro. Auch ist es ein erklärtes Ziel, dass wir ein privates unabhängiges Familienunternehmen bleiben. Deutschland ist der wichtigste Markt für uns, gefolgt von China und Österreich.
Das Interview führte Angela Scheufler vom AS Presse Service, Neunkirchen am Brand
Fotos: Frank Herrmann
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Quergefragt:
Die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraft- werke …
… beunruhigt viele Menschen in Europa; ich denke aber, dass wir ohne Atomkraft nicht auskommen werden.
Die im Durchschnitt 50 Jahre alte Bevölkerung in Steyr …
… ist um einiges jünger als ich und stellt trotzdem in Österreich langfristig sicher ein Problem dar.
Meinen Urlaub …
… habe ich in China verbracht, weil ich das schon lange für meine Frau geplant hatte.
Ein gutes Buch …
… ist für mich auf jeden Fall „Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch.

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