Künstliche Intelligenz in der Automation
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Künstliche Intelligenz in der Automation

Künstliche Intelligenz (KI) und Automation
Über „KI-bedingte Automation“ spricht Wirtschaftspsychologe Jens Nachtwei

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Entwicklungen künstlicher Intelligenz werden unsere Lebens- und Arbeitswelt maßgeblich verändern und ziemlich alle Bereiche berühren. Welchen Einfluss insbesondere KI-bedingte Automation hat, erläutert Wirtschaftspsychologe Jens Nachtwei. Im Interview spricht er über die Verantwortung von IngenieurInnen und UnternehmerInnen sowie über Folgeabschätzungen für Beschäftigte.

Interview: Nico Schröder, Korrespondent KEM Konstruktion, Augsburg

KEM Konstruktion: Herr Professor Nachtwei, was halten Sie als Psychologe vom Begriff „künstlicher Intelligenz“ (KI)?

Jens Nachtwei: Noch immer fällt es nicht leicht, menschliche Intelligenz sauber zu definieren. Und hierzu gibt es eine jahrzehntelange Forschungstradition. Zu KI gibt es zwar auch schon seit den 1950er Jahren akademische Debatten; aber in der Praxis sehen wir KI-Anwendungen erst seit Kurzem. Entsprechend viel wird darüber diskutiert, ob wir überhaupt mit KI als Begriff gut aufgestellt sind. Ich denke, für den Moment ist das vollkommen in Ordnung. Und vielleicht bleibt es dabei ja und im Lehrplan jeder Grundschule wird in ein paar Jahren von tierischer, menschlicher und künstlicher Intelligenz die Rede sein.

KEM Konstruktion: Worin unterscheiden sich Konzepte menschlicher und künstlich-maschineller Intelligenz?

Nachtwei: Für eine Antwort müsste man beide Konzepte wirklich in aller Tiefe durchdrungen haben. Ich empfehle an dieser Stelle das Buch „Architects of Intelligence“. Martin Ford hat darin einige der weltweit führenden KI-Forscher ausführlich interviewt. Deren Meinungen gehen teilweise recht weit auseinander – da werde ich als Einzelner keine Lösung anbieten können.

KEM Konstruktion: Inwieweit lassen sich psychologische Intelligenzkonzepte und -dimensionen überhaupt auf Maschinen respektive Computer anwenden?

Nachtwei: Das kommt auf die Abstraktionsebene an. Definiert man Intelligenz instrumentell, also im Sinne von „um zu“, könnte eine Anwendung gelingen. Denn in beiden Fällen würde es dann um eine Informationsverarbeitungsleistung gehen, um bestimmte Probleme zu lösen. Ansonsten ist es so, dass die Psychologie mit sogenannten Konstrukten arbeitet. Einfach und am Beispiel formuliert: Wir lassen Menschen ganz viele Zahlenreihen-Aufgaben lösen und nennen den Gesamtwert, beispielsweise die Summe der gelösten Aufgaben, dieses Zahlenreihen-Aufgabenpakets dann „numerische Intelligenz“. KI nimmt diesen Umweg der Konstrukte nicht unbedingt – ich muss dem Kind also keinen Namen geben, da die Ableitung aus einer großen Menge von Daten genügt.

KEM Konstruktion: Mit welcher KI-Definition arbeiten Sie?

Nachtwei: Zum Glück stellen Sie die Frage erst jetzt. Tatsächlich haben wir uns in letzter Zeit intensiv mit einer Arbeitsdefinition von KI beschäftigt. Es gibt zig verschiedene definitorische Ansätze. Aber wir brauchen eine, die wir auch Menschen vorlegen können, die an unseren Studien teilnehmen. Sie muss wichtige Elemente verschiedener Definitionen beinhalten, darf nicht zu lang sein und muss vor allem verständlich sein. Momentan sieht unsere Arbeitsdefinition so aus:

„Eine Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist ein technisches System, das selbstständig und zielgerichtet Aufgaben bearbeitet. Die KI greift dabei auf große Datenmengen zu und kann diese Datenmengen interpretieren, von den Daten lernen und das Erlernte anwenden. Die Regeln, denen die KI bei der Bearbeitung von Aufgaben folgt, sind nicht immer explizit durch den Menschen vorgegeben. Beispiele sind sowohl einfache Übersetzungssysteme wie DeepL oder Navigationssoftware wie Google Maps, als auch komplexere Systeme, wie der Tesla-Autopilot, der große Mengen an Bildmaterial in Echtzeit analysiert und in die Steuerung des Fahrzeugs einfließen lässt.“

„Technik als ebenbürtiger, vielleicht sogar überlegener Mitspieler“

KEM Konstruktion: Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie, um industrielle Automation wettbewerbsfähig voranzutreiben. Welche Chancen und Risiken birgt KI für die automatisierte Arbeitswelt?

Nachtwei: Das ist der Kern unserer Forschung: Was bedeutet „KI-bedingte Automation“ für Beschäftigte? Dabei geht es nicht nur um industrielle Automation. KI wird alle Bereiche der Arbeitswelt berühren. Viele davon sind ja heute schon betroffen. Als PsychologInnen interessiert uns natürlich, welche Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen zu erwarten oder auch jetzt schon zu beobachten sind.

Die große Chance liegt darin, dass Tätigkeiten, die nicht sonderlich erfüllend sind, nicht mehr von Menschen ausgeübt werden müssen. In meinem Arbeitsbereich kann das Korrigieren von Klausuren mit freiem Beantwortungsformat ein Beispiel sein, das Entlastung bietet – spätestens ab der zwanzigsten Klausur, die man zur immer selben Aufgabenstellung liest, stellt sich einem schon die Frage, ob das nicht ein Algorithmus tun könnte. Zumal eine entsprechende KI-Lösung bestimmte implizite Beurteilungsverzerrungen gar nicht hätte, sofern man sie gut gestaltet und die Referenzdaten sauber sind. Aber die Beispiele sind vielfältig und ich denke, dass viele Menschen zumindest mehr oder minder große Teile ihres Jobs nicht unbedingt lieben, die durch Routinen klar beschreibbar und damit auch gut automatisierbar sind. Das würde dann Zeit freigeben für Tätigkeiten im sozialen oder kreativen Bereich – Dinge, die vielen Menschen mehr liegen als stupide Routinen im Büro oder am Band.

Christoph Lütge über Ethik in der künstlichen Intelligenz

KEM Konstruktion: Im Projekt „Research on Universal Basic Income – Chances, Omissions, Negativities“ beschäftigen Sie sich auch mit einer Extremvariante von Chancen: der Entkopplung von Arbeit und Geld.

Nachtwei: Ja, wir schauen uns die psychologischen Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens unter der Prämisse an, dass ja tatsächlich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten viele Jobs ohne Wiederkehr entfallen könnten, da sie schlicht durch eine Automation schneller, fehlerfrei und kostengünstiger erledigt werden können. Das bietet enorme Chancen, aber eben auch Risiken. Für viele Menschen ist Arbeit Sinnstiftung und Sozialkontakt: Ich weiß, warum ich bin – und ich bin nicht allein. Daher ist eine Vollautomatisierung der Arbeitswelt sicher psychologisch nicht ungefährlich. Zumindest für eine westlich geprägte Leistungsgesellschaft aktueller Spielart

KEM Konstruktion: Welche Verantwortung tragen EntscheiderInnen in Unternehmen, die KI-Systeme nutzen, entwickeln oder in Produkten und Dienstleistungen umsetzen?

Nachtwei: Die beneide ich nicht. Aus der zweiten Reihe der akademischen Welt kann man immer gut über all die psychologischen, ethischen und moralischen Implikationen von KI debattieren. Aber als EntscheiderIn im Unternehmen muss ich diese wichtigen Aspekte irgendwie mit Wirtschaftlichkeit, Umsetzbarkeit und Datenschutz verheiraten – um nur einige zu nennen. Und das kann sich sicher teils wie die Quadratur des Kreises anfühlen. Die Verantwortung ist hoch, wenn man all diese Felder bestellen muss. Hier wird es noch viel Orientierungsbedarf für die Praxis geben.

KEM Konstruktion: Wie kann technologischer Wandel Ihrer Auffassung nach gelingen?

Nachtwei: Hätte ich dafür die Blaupause, gäbe es wahrscheinlich kein Regal, das all die Preise dafür fassen würde. Ich denke, es ist ein ganzer Blumenstrauß an Faktoren, der hier auf den Erfolg einzahlt – darunter eben auch die wissenschaftliche Sicht auf den Einzelnen in der Arbeitswelt. Im Change Management wird beispielsweise viel von Widerständen und Ängsten von MitarbeiterInnen gesprochen. Das wird auch in Lehre und Forschung diskutiert und sollte auf den technologischen Wandel angewandt werden.

Technologisch geht theoretisch fast alles – mit Menschen ist das anders. Wir sind kein On-off-System. Wir unterscheiden uns gravierend in unseren Ansichten, Verhaltensweisen und unserem persönlichen Hintergrund. Dem müssen wir durch mehr Forschung im arbeits- und organisationspsychologischen Bereich Rechnung tragen.

KEM Konstruktion: Im Essay „Psychologie einer automatisierten Leistungsgesellschaft“ schreiben Sie: „Damit für eine (Leistungs-)Gesellschaft, Organisationen und Arbeitnehmer der technologische Wandel gelingen kann, muss die psychologische Forschung ein Feld bestellen, das momentan von anderen Disziplinen kultiviert und von Beratern sowie Kongress-Rednern geprägt wird.“ Nun, was steckt hinter Ihrem Appell?

Nachtwei: Dahinter steckt schlicht: Die Sicht auf die Betroffenen, und das sind wir alle, ist noch zu trübe. Die Psychologie tritt als Disziplin an, Erleben und Verhalten von Menschen in allen erdenklichen Kontexten zu untersuchen. Gehen wir also davon aus, dass KI so ziemlich alle Lebensbereiche weiter durchdringt und vor allem die Arbeitswelt umkrempeln wird, muss die Psychologie hier ein zentrales Aufgabenfeld für sich definieren und dieses auch bearbeiten.

Nun ist die Psychologie eine empirische Wissenschaft und tut sich mit Diskussionen über ungelegte Eier oft schwer. Vieles in Bezug auf KI und Arbeitswelt ist Zukunftsmusik und es gibt teils nur wenige Anwendungsfelder, in denen Beschäftigte tatsächlich mit KI in Kontakt sind. Hinzu kommt, dass die Psychologie, wie viele andere Disziplinen auch, nicht unbedingt offensiv auf andere Disziplinen zugeht. Man bleibt oft gern unter sich. Die Komplexität des Themas erfordert aber den offenen Austausch mit Wirtschaftswissenschaftlern, Soziologen, Informatikern, Philosophen und anderen – dieser Austausch ist mühsam, da unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Und er ist ein Risiko in der akademischen Laufbahn. Viele wägen ab, ob sie nicht lieber zu ihrem gewohnten, gut beforschten und engen Thema noch zwei weitere Fachartikel veröffentlichen anstatt sich auf diesen langwierigen Diskurs mit anderen Disziplinen einzulassen und als Grenzgänger am Ende vielleicht kein Journal zu finden, was Beiträge aus einem solchen Schnittstellenthema veröffentlichen will.

KEM Konstruktion: Welche Fragen der Mensch-Technik-Interaktion wirft KI aus psychologischer Sicht auf?

Nachtwei: Das ist wirklich spannend. Denn Mensch-Technik-Interaktion wird schon lange psychologisch erforscht. Ich komme ursprünglich aus der sogenannten Ingenieurpsychologie. Dort geht es um eben dieses Feld. Allerdings: Bisher haben wir dort vor allem auf Technik als Tool geschaut. Nicht auf Technik als ebenbürtigen, vielleicht sogar überlegenen Mitspieler. Die Automationsforschung ist gut aufgestellt, aber die Mächtigkeit von KI dürfte die eine oder andere Debatte in diesem Feld verändern. Es wird sicher weiterhin um Fragen der Akzeptanz, des Vertrauens und ganz allgemein von Überwachung und Kontrolle gehen. Nur eben nicht mehr mit Fokus auf den klassischen Autopiloten im Cockpit, sondern auf einen Kollegen im Büro, der nicht aus Fleisch und Blut ist. Ich denke, dass die Ingenieurpsychologie hier zukünftig mehr mit der Sozialpsychologie sprechen wird, um diese „neue Kollegialität“ zu erforschen.

www.psychologie.hu-berlin.de

Weitere Informationen im Sonderband „Zukunft der Arbeit“

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